Ein Berggebiet von seltener Schönheit und Vielfalt



SOMMER - zwar offiziell begonnen, aber noch ein bisschen zurück geblieben. Doch unsere letzte Woche veröffentlichte Seite über das Berghüttenbuch "Capanne e rifugi del Ticino e della Mesolcina" aus dem Verlag Salvioni hat unseren Lesern wohl Lust gemacht auf höhere Ziele. Den Wunsch, mehr über das Gebiet um die Capanna Alzasca zu erfahren, erfüllen wir gerne.
Unsere Wanderung beginnt bei Someo im unteren Maggiatal. Der Fart-Bus ist der beste Zubringer, vor allem wenn eine Zweitagestour mit Übernachtung in der SAC-Hütte Alzasca und Übergang ins VaI Vergeletto geplant ist. Der reizvolle Alzasca-Bergsee bildet aber allein schon ein lohnendes Ziel. Von der Bushaltestelle Someo folgen wir der Strasse talaufwärts. Nach kaum 300 Metern zeigt ein Wegweiser an, dass wir nach rechts abbiegen sollen. Der Weg führt unter der Strasse durch und nähert sich dem Fluss, den wir auf einer 300 Meter langen schwingenden Hängebrücke überqueren. Auf der andern Talseite biegt unsere Route nach rechts ab und führt am Bergfuss entlang, teilweise durch das Schwemmland der Maggia. Bei einer Wegkapelle beginnt der Aufstieg durch das VaI Soladino. Die 700 Meter hohe Trogwand ist auf einem alten Weg zu überwinden. Ob die Jahrzahl 1734, die in eine der zahllosen Stufen gehauen wurde, die Entstehung des Weges anzeigt, bleibe dahingestellt. Auf jeden Fall wurden die Geländeschwierigkeiten von den Wegbauern elegant und mit viel Erfindungsgeist gemeistert. Ein Mal ist der Pfad in den Felsen gehauen, ein anderes Mal werden Einschnitte auf kleinen Brücken überwunden oder allzu enge Passagen kunstvoll verbreitert. Schliesslich mussten die Wegbauer darauf Rücksicht nehmen, dass auch die Kühe auf die Alp gebracht werden können. Wir gewinnen rasch an Höhe. Eine kühn geschwungene kleine Brücke führt über den Soladinobach. Der grösste der Wasserfalle, einer der schönsten im Tessin, stürzt hier schäumend in die Tiefe. Er war zu einem ziemlich dünnen Rinnsal geworden, bevor ihm die Maggia Kraftwerke wieder etwas mehr Wasser gönnen. Doch nur wenn das kostbare Nass im Überfluss vorhanden ist, zeigt er sich in seiner ganzen Pracht. Sonst wird das meiste Wasser dem 24 km langen Freilaufstollen zugeleitet, der die Zentrale Cavergno mit dem Ausgleichsbecken Palagnedra verbindet. Der steile Weg windet sich in zahllosen Kurven durch den Hang. Bei der Gabelung nach einer Hütte wenden wir uns nach rechts. (Die Wegmarkierung ist auf der ganzen Strecke recht gut erkennbar. Viele Möglichkeiten, vom richtigen Pfad abzuweichen, bestehen ohnehin nicht.)
Ist die Wand einmal überwunden, weitet sich die Bergwelt. Weideland und Wälder (Tannen, Buchen, Lärchen) breiten sich aus. Wir sind auf dem Maiensass Corte di Sotto angelangt. Der Pizzo Cramalina wird sichtbar. Zahlreiche Ställe, die meisten in zerfallenem Zustand, deuten an, dass auch im Maggiatal nur noch die grossen Alpen genutzt werden. Wir gehen weiter und erreichen. die vor einem halben Jahrhundert erbaute Alphütte Corte di Fondo. Der Lärchenwald wird immer dünner.
Es ist nicht mehr weit bis zur Berghütte Alzasca. Sie dient als Ausgangspunkt für die Besteigung der Gipfel Alzasca, Molinera und Cramalina, die alle eine Höhe von um die 2220 Meter über Meer aufweisen und je nach Route unterschiedliche Anforderungen stellen. Für Bergsteiger sind sie jedenfalls ein beliebtes Tummelfeld.
Bis zum Lago Alzasca ist noch ein letztes Stück Weges zu überwinden. Dann liegt er vor uns, einer der grössten und schönsten Bergseen weit und breit. Erhabene Stille herrscht. Eine ganze Farbpalette spiegelt sich im Wasser. Auf der einen Seite sinkt die Almweide sanft zum See ab, auf der anderen Seite geht es steil aufwärts. Eine Naturkulisse, wie sie eindrücklicher kaum sein könnte.


Grandiose Landschaft vom Fluss Maggia bis zum Bergsee

Die auf dieser Seite empfohlene Tour zum Alzasca Bergsee, am besten mit Übernachtung in der gleichnamigen SAC-Hütte, die noch viele andere Gipfelziele und Passübergange bietet, ist ein aufgeschlagenes Bilderbuch der Natur. Doch schon die Ebene am Fluss Maggia ist aus der Sieht des Naturfreundes sehr interessant. Die Bergflanken sind steil, die Dörfer befinden sieh auf beiden Seiten des Flusses. Auf schweizerischer und europäischer Ebene gilt der Talboden des Maggiatals als einer der wenigen Talabschnitte dieser Ausdehnung auf derart geringer Höhe über Meer,
die weitgehend unverändert erhalten geblieben sind. Das gilt vor allem für das Flussbett mit
seinen heute zum
grössten Teil unter Schutz stehenden. seltenen Biotopen. (Die neusten
Erfahrungen zeigen aber, dass die Schutzverordnung noch strenger angewandt werden muss. Das Maggiatal ist also eine einzigartige, grandiose Naturlandschaft. Bei unserem Ausgangspunkt Someo hat sieh Schwemmland gebildet, das ausgetrocknet und versteppt ist und zahlreichen Pflanzen und Tieren Zuflucht bietet.